Goethe und Schiller in Jena

Wer einmal begonnen hat, sich mit Jenaer Geschichte zu befassen, den wird sie nicht mehr loslassen. Egal, in welches Jahrhundert man schaut, alle großen Persönlichkeiten, deren Namen wir damit verbinden, haben ihre Spuren in der Saalestadt hinterlassen. Wir wollen diese steckbriefartig hier vorstellen:

> Johann Wolfgang von Goethe
> Friedrich Schiller



Johann Wolfgang von Goethe

*1749 in Frankfurt/M. / † 1832 in Weimar

Man hat ausgerechnet, dass der Geheime Rat, alle Aufenthalte zusammengerechnet, ungefähr fast genau fünf Jahre in Jena verbracht hat. Seine Besuche hängen natürlich größtenteils mit seinen Pflichten als Minister unter Herzog Carl August zusammen. Goethe nahm an Rekrutenaushebungen teil, leitete den Bau der Chaussee durch das Mühltal und die Schutzmaßnahmen, z.B. Saaleregulierungen, die sich nach einer verheerenden Überschwemmung notwendig gemacht hatten. Nachdem er die Leitung der dem Hof unterstehenden Kabinette, Sammlungen und Bibliotheken übernommen hatte, wurde er auch enger in die Geschicke der Jenaer Universität involviert. Besonderes Interesse hatte der universell ambitionierte Goethe an den Naturwissenschaften, vor allem der Medizin. Unter seinem Einfluss wurden nicht nur Chemie, Mineralogie und Botanik zu selbständigen Lehrfächern, es entstand auch das Acchouchierhaus, eine Entbindungsanstalt, und der Botanische Garten. Mit Loder, bei dem Goethe Vorlesungen hörte, entdeckte er den menschlichen Zwischenkieferknochen, das os intermaxillare, mit dem die These einer Weiterentwicklung vom Tier zum Mensch gestützt werden konnte.
Daneben reizten den Dichterfürsten in Jena die geselligen Abende - etwa im Frommannschen oder Griesbachschen Haus oder auch gemeinsam mit seinem Freund Knebel, den er in Jena kennengelernt hatte -, die sich fernab der höfischen Etikette durch eine lebendige, geistreiche Atmosphäre auszeichneten.
Obwohl er die Berufung Schillers befördert hatte, war ihm der zehn Jahre Jüngere lange Zeit suspekt. Goethe sah in Schiller zuallererst den ungestümen Verfasser der „Räuber“. Der Gestus des Stückes erinnerte ihn wohl allzu sehr an seine eigene Sturm-und-Drang-Zeit, die er nach seiner Italienreise hinter sich zu lassen wünschte. Nach der Annäherung beider Männer begann jedoch eine für beide so produktive Schaffensperiode, dass die Zeit zwischen 1794 bis 1805 später zurecht mit dem Etikett „Klassik“ versehen wurde. Nunmehr konnten Goethe und Schiller endlich ihre unterschiedlichen Herangehensweisen und Überzeugungen produktiv machen.
Goethe blieb auch nach Schillers Umzug nach Weimar der Saalestadt treu, und an fast allen wichtigen Werken, die in seiner zweiten Lebenshälfte entstanden sind, hat er auch in Jena gearbeitet. Wohnte er anfangs meist in einer Dienstwohnung im Schloss, so war dann später das Inspektorhaus im Botanischen Garten sein Domizil, in dem er manchmal wochen- oder monatelang ungestört, beispielsweise an seinem Wilhelm-Meister-Roman, arbeitete. Beruflich widmete er sich in dieser Zeit der Reorganisation der Universitäts- und der Schlossbibliothek, die beide ab 1808 der Öffentlichkeit zur Verfügung standen und mit ihrem gemeinsamen Gesamtkatalog beispielgebend auch für andere Büchereien wurden.
Für Goethes Spätwerk wurden außerdem zwei junge Damen aus Jena, denen er schwärmerisch zugetan war, zu Inspirationen. Die Rede ist von der Pflegetochter der Frommanns, Minchen (eigtl. Wilhelmine) Herzlieb, und Silvie von Ziegesar aus Drackendorf. Für letztere schrieb er das Gedicht „Bergschloss“.
Viele Details aus seiner Jenaer Zeit wissen wir durch Johann Peter Eckermann (1792 bis 1854), der ab 1823 zu Goethes Sekretär und engem Vertrauten wurde und zahlreiche Gespräche mit dem Dichter für die Nachwelt protokollierte.

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Friedrich Schiller

*1759 in Marbach / † 1805 Weimar

Friedrich Schiller hat die längste, produktivste und wohl auch glücklichste Zeit seines Lebens - nämlich das Jahrzehnt von 1789 bis 1799 - in Jena verbracht.
Die Berufung zum außerordentlichen Professor für Philosophie bzw. Geschichte an die Alma Mater Jenensis ist für Friedrich Schiller nach Jahren der Flucht und des Herumgetriebenseins ein Meilenstein auf dem Weg in eine bürgerliche Existenz. Am 26. Mai 1789 hält er im größten Auditorium der Stadt, dem von Griesbach am Löbdergraben, vor mehr als der Hälfte aller Jenaer Studenten zur damaligen Zeit (ca. 400), die den Autor der „Räuber“ kennen lernen wollen, seine legendäre Antrittsvorlesung „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?“
Am 22. Februar 1790 heiratet er die Adlige Charlotte von Lengefeld in der Dorfkirche zu Wenigenjena - erster Schritt auf dem Weg zur langersehnten Familiengründung (1793, 1796, 1799 und 1804 werden die beiden Söhne und zwei Töchter geboren).
Freilich wird es noch weitere zweieinhalb Jahre dauern, bis er auch aller finanziellen Sorgen enthoben sein wird, denn seine Lehrtätigkeit an der Salana, ohnehin nicht sonderlich erfolgreich, trägt, da unbesoldet, nicht viel ein. Nachdem er 1791 das erste Mal schwer erkrankt und das Gerücht von seinem Tod umgeht, erhält er für die Dauer von zunächst drei Jahren von zwei dänischen Verehrern eine Unterstützung von jeweils 1.000 Talern zugesichert (zum Vergleich: das Jahresgehalt eines ordentlichen Professors beträgt in dieser Zeit ca. 300 Taler!). „Ich bin auf lange, vielleicht auf immer aller Sorgen los; ich habe die längst gewünschte Unabhängigkeit des Geistes“, schreibt er am 13. Dezember 1791 euphorisch seinem Freund Christian Gottfried Körner.
So kann er sich ab diesem Zeitpunkt ganz seinen eigenen Studien widmen, nachdem er bereits im März beim Herzog um Beurlaubung von den Vorlesungen nachgesucht hatte. In kurzem Abstand entstehen nun zahlreiche seiner wichtigen Werke (Die Geschichte des Dreißigjährigen Krieges 1792 / Über Anmut und Würde 1793 / Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen 1794).
Nunmehr gelingt es ihm auch endlich, Goethe näher zu kommen. Nach einer Sitzung der Naturforschenden Gesellschaft im Juli 1794 beginnen beide den weltanschaulichen Disput über die „Urpflanze“ bzw. Metamorphosenlehre, und Goethe sagt die Mitarbeit an Schillers Zeitschriftenprojekt, den Horen, zu. Als „Glückliches Ereignis“ wird Goethe später den Beginn des Arbeitsbundes mit Schiller, in dem beide Dichter zu Klassikern reifen, bezeichnen. Gegenseitig inspirieren sie sich in ihrem Schaffen. Erstes Produkt ihres gemeinsamen Wirkens sind die „Xenien“, Spottgedichte auf die gesellschaftlichen und literarischen Missstände ihrer Zeit.
1795 erscheint Schillers grundlegende Abhandlung „Über naive und sentimentalische Dichtung“, ab 1796 nimmt er, im ständigen Gedankenaustausch mit Goethe (und Wilhelm von Humboldt), die Arbeit als Dramatiker wieder auf und beginnt mit der Ausarbeitung des Wallenstein-Projektes.
Als Folge der Gattungsdiskussionen, in denen die Möglichkeiten und Grenzen der einzelnen literarischen Genres ausgelotet werden sollen, wird das Jahr 1797 zum sogenannten Balladenjahr.
Im selben Jahr erwirbt der gesundheitlich angeschlagene Schiller das Gartenhaus an der Leutra (heutige Schillergedenkstätte). In der dortigen Zinne vollendet er seine Wallenstein-Triologie und beginnt mit den Arbeiten an der Maria Stuart und der Jungfrau von Orleans. Mit seinem Umzug nach Weimar im Dezember 1799 will er dem dortigen Theater, in dem seine Stücke aufgeführt werden, und natürlich Goethe näher sein. Sein Gartenhaus wird er erst 1802 verkaufen.
Seine Jenaer Jahre werden als entscheidende, wenn auch nicht widerspruchsfreie Zeit in seine Biographie eingehen. 1792 wird ihm als Verfasser der „Räuber“ und mithin Dichter der Freiheit das Ehrenbürgerdiplom der Pariser Nationalversammlung verliehen, das er jedoch erst 1797 „ganz aus dem Reich der Toten“ (an Goethe 27. Februar 1798) erhält. Zunächst begeistert von der Französischen Revolution, geht er durch die wachsende Brutalität zunehmend, spätestens ab der Hinrichtung Ludwig XVI. 1793, zu den Ereignissen in Frankreich auf Distanz. Ebenso kühlt das Verhältnis zur jüngeren Generation, den Romantikern, zunehmend ab. Hatte er zunächst August Wilhelm Schlegel zur Mitarbeit für die Horen geworben und nach Jena geholt, so vergiften bald schon, vor allem verursacht durch dessen Bruder Friedrich Schlegel, Diskrepanzen und Meinungsverschiedenheiten das Verhältnis so sehr, dass es zum vollständigen Bruch kommt.


Im Schillerjahr 2005 ist in Jena ein Film über Schillers Jenaer Jahre entstanden, der in der Jena Tourist-Information zu erwerben ist.
Weitere Informationen unter >>> www.schillerfilm.de

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"Jenaer Geister. Steckbriefe und Erläuterungen zu einem historischen Umzug", Verlag Dr. Bussert und Stadeler 2005. (ISBN 3-932906-62-4)
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