Jenaer Kunstverein und Künstlerszene am Beginn des 20. Jahrhunderts
Wer einmal begonnen hat, sich mit Jenaer Geschichte zu befassen, den wird sie nicht mehr loslassen. Egal, in welches Jahrhundert man schaut, alle großen Persönlichkeiten, deren Namen wir damit verbinden, haben ihre Spuren in der Saalestadt hinterlassen. Wir wollen diese steckbriefartig hier vorstellen:
> Jenaer Kunstverein
> Botho Graef
> Eberhard Grisebach
> Erich Kuithan
> Walter Dexel
> Walter Gropius
> Ferdinand Hodler
> Wassily Kandinsky
> Ernst Ludwig Kirchner
> Paul Klee
> Edvard Munch
> Emil Nolde
> Henry van de Velde
> Paul Weber
>>>Zur Homepage des Jenaer Kunstverein heute
Jenaer Kunstverein
Der Jenaer Kunstverein gründete sich am 20. Dezember 1903 und entwickelte sich sehr bald zu einem Vorkämpfer der klassischen Moderne. Er begründete Jenas Ruf als Kunststadt weit über die Region hinaus. Mehr als drei Jahrzehnte blieb er eine tragende kulturelle Instanz in dieser Stadt.Zu seinen Gründungsmitgliedern zählen der Maler Ernst Biedermann, der Buchhändler Eckard Klostermann, der Oberlandesgerichtsrat Dr. Max Porzig, der bekannte Universitätsprofessor Eduard Rosenthal, Marie Straubel, der Architekt Carl Timler, der Lehrer Dr. Otto Unrein, Hedwig Vollers, Margarethe Wagenmann und der Kunsthistoriker und Gründer des Jenaer Stadtmuseums Professor Paul Weber. Den kunstbegeisterten Begründern ging es „...nicht um ein Bekenntnis zu dieser oder jener Kunstrichtung, sondern darum, daß in Jena überhaupt Kunst gedeihe..“. (Jenaische Zeitung, 4.6.1904). Es wurde zu einer anspruchsvollen Tradition, dem interessierten, wenn auch nicht immer aufgeschlossenen Jenaer Publikum in regelmäßigen Expositionen die aktuellsten Strömungen des modernen internationalen Kunstlebens zu präsentieren und ausführlich in der Lokalpresse beziehungsweise in hochkarätigen Vorträgen zu besprechen. Im Gegensatz zu der im Februar 1904 gegründeten Gesellschaft der Kunstfreunde von Jena und Weimar, zu deren prominenten Mitgliedern im Weimarer Kreis beispielsweise Harry Graf Kessler, Henry van de Velde und Ludwig von Hofmann gehörten, waren die Bemühungen nicht allein auf eine intellektuelle Oberschicht beschränkt. Der Verein wollte mit seiner Tätigkeit vielmehr der Bildung aller Volksschichten dienen.
Die Durchsetzung eines modernen Ausstellungsprofils unter Berücksichtigung neuester Tendenzen in der Kunstentwicklung war oft mühevoll, denn nicht alle Ausstellungen trafen in Jena auf ein verständnisvolles Publikum.
Es wurden abwechselnd Ausstellungen der konservativen und der modernen Strömung durchgeführt. Neben Vertretern der älteren Generation wie Max Klinger, Christian Rohlfs, Ludwig von Hofmann, Hans Olde, Käthe Kollwitz, Emil Orlik und Hans Thoma wurden die "Modernen" wie Heinrich Vogeler, Emil Nolde, Erich Heckel, Karl Schmitt-Rottluff, Ernst Ludwig Kirchner, Wassily Kandinsky, Alexej von Jawlensky und Paul Klee präsentiert. Von den bildenden Künstlern aus Jena sind hauptsächlich Erich Kuithan, Hermann Haack und Ernst Biedermann zu nennen. Bereits bis zum Ersten Weltkrieg hatte sich der Jenaer Kunstverein mehr und mehr zu einem begehrten Podium der Künstler des Expressionismus entwickelt.
Mit der Etablierung der Macht der Nationalsozialisten wurde im Rahmen der Aktion "Entartete Kunst" auch dem Kunstverein 1937 ein vorläufiges Ende gesetzt. Der im Februar 1990 neu gegründete Jenaer Kunstverein bemüht sich, die Tradition der Präsentation zeitgenössischer Kunst und Künstler durch Ausstellungen, Vernissagen, Gespräche, Vorträge und literarisch-musikalische Veranstaltungen fortzusetzen.
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Eberhard Grisebach
* 1880 in Hannover / † 1945 in ZürichGrisebach kam 1909 nach Jena, um bei Rudolf Eucken (einziger Nobelpreisträger Jenas) Philosophie zu studieren. 1922 bis 1930 wirkte er als Professor der Philosophie an der Universität Jena. Zugleich war Grisebach ein engagierter Förderer der modernen Kunst in der Saalestadt. Zwischen 1912 bis 1921 war der Philosoph Geschäftsführer des Kunstvereins Jena. Er hatte gute Verbindungen zu verschiedenen Künstlern wie Edvard Munch; mit Ernst Ludwig Kirchner war er freundschaftlich eng verbunden (er war Fürsprecher des gesundheitlich angeschlagenen Kirchners, verfasste Essays über ihn, organisierte z.T. dessen Ausstellungen). Im Jahre 1931 verließ er Jena, um einem Ruf nach Zürich zu folgen.
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Erich Kuithan
* 1875 in Bielefeld / † 1917 in JenaDer für Jena wichtige Maler Kuithan wurde nach seinem Studium der Künste in München und Dachau und der Mitarbeit an der Zeitschrift ”Jugend”, ein aktives Mitglied des Jenaer Kunstvereins. Bekannt wurde er durch seine ”Schillerbilder” (”Schiller auf den Weg zu seiner Antrittsvorlesung in das Grießbachsche Haus”, davon existieren mehrere Fassungen, die bekannteste von 1909/10 hängt in der Universität). Ab 1903 war Kuithan der Leiter der Zeichenschule der Carl-Zeiß-Stiftung Jena im Volkshaus (danach ging er als Professor nach Berlin). Der Maler schuf u.a. das weltbekannte Firmenzeichen von Zeiss, das Universitätswappen am nördlichen Mittelgiebel des Universitätshauptgebäudes und schmückte dessen Foyer mit Wandgemälden (1945 zerstört). An der künstlerischen Ausgestaltung des Volkshaus war er ebenso beteiligt. Überdies brachte ihn sein musikalisches Talent in kunstinteressierten Kreisen Jenas viel Beachtung. Kuithan war verheiratet mit Traute Kuithan, geb. Frieß (1890 – 1979).
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Walter Dexel
* 1890 in München / † 1973 in BraunschweigDer Kunstsammler, Maler, Bühnenbildner, Kunsthistoriker, Architekturkritiker, Schriftsteller und Pädagoge Walter Dexel lebte von 1915 bis 1928 in Jena. Zuvor studierte er Kunstgeschichte in München und schloss sein Universitätsstudium mit einer Promotion bei Botho Graef 1916 in Jena ab. Anschließend arbeitete er in der Saalestadt als freischaffender Gebrauchsgrafiker. Große Bedeutung für die Jenaer Kunstszene ist seine Arbeit als Ausstellungsleiter (1916 bis 1920) und Geschäftsführer (1921 bis 1923) des 1903 gegründeten Kunstvereins. Verdient machte er sich hierbei insbesondere um die Organisation diverser Ausstellungen und Vorträge, dabei holte er Künstler wie u.a. Paul Klee, Wassily Kandinsky oder Walter Gropius nach Jena.
An seine Verdienste erinnert das ”Walter-Dexel-Stipendium”, welches seit 1997 jährlich einen Jenaer - ausnahmsweise Thüringer - Künstler, der sich für Jena besonders verdient gemacht hat, verliehen wird. Das Geld stiften die Stadtwerke Jena-Pößneck GmbH.
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Walter Gropius
* 1883 in Berlin / † 1969 in BostonWalter Gropius, Mitbegründer (1919) und Direktor (1928) des Staatlichen Bauhauses in Weimar, studierte in München und Berlin Architektur. 1937 emigrierte er in die USA und wurde Professor an der Harvard Universität. Bedeutend waren seine grundlegenden Neuerungen für die moderne Baukunst vor allem im Siedlungs- und Industriebau. Er besuchte des öfteren die Stadt Jena und hinterließ hier etliche Spuren: Umbau des Stadttheaters (1921/22, heutige Theaterhaus), die Villen Auerbach (Schaefferstr. 9) und Zuckerkandl (Weinbergstr. 4a).
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Ferdinand Hodler
* 1853 in Bern / † 1918 in GenfDie Monumentalgemälde des schweizer Malers waren um 1900 richtungsweisend für die europäische Historienmalerei. Herausragend ist sein Werk ”Auszug deutscher Studenten in den Freiheitskrieg von 1813” (1907/08), welches er für die Ausgestaltung des neuen Universitätsgebäudes in Jena anfertigte (heute in der Aula der Friedrich Schiller Universität zu besichtigen). Er demonstrierte mit anderen Künstlern gegen die Zerstörung unwiederbringlicher Kunstwerke durch die deutsche Armee (dies führte zum Ausschluss aus den Akademien und der Verbannung seiner Werke).
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Wassily Kandinsky
* 1866 in Moskau / † 1944 in Neuilly-sur-SeineDer russische Maler und Graphiker begann nach seinem Jurastudium in Moskau ein Kunststudium in München (ab 1896). Kandinsky gilt als Mitbegründer des ”Blauen Reiter” (1909). 1922 zieht der Expressionist nach Weimar, um an den Bauhaus Universitäten in Weimar und Dessau eine Lehrtätigkeit aufzunehmen. Er stellte häufig im Jenaer Kunstverein aus.
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Ernst Ludwig Kirchner
* 1880 in Aschaffenburg / † 1938 in Davos/Schweiz; FreitodErnst Ludwig Kirchner begann seine künstlerische Laufbahn mit einem Architekturstudium in Dresden und München (ab 1901). Er war Maler, Grafiker und Bildhauer. Der Mitbegründer der Dresdner Künstlervereinigung ”Die Brücke”. Kirchner hielt sich zwischen 1914 und 1917 mehrmals in Jena auf, wo Grafiken und Tafelbilder entstanden (u.a. Porträts von Botho Graef, Eberhard Grisebach, Julius Schaxel). In dieser Zeit entwickelten sich enge Freundschaften mit Eberhard Grisebach und Botho Graef, welche ihn finanziell und mental unterstützten. 1915 wurde der expressionistische Maler zum Militär einberufen und kurz darauf entlassen; seine angeschlagene Gesundheit zwang ihn zu mehreren Sanatoriumsaufenthalte (1917 erste Reise in den Kurort Davos). Die Nationalsozialisten bezeichneten seine Kunst als ”entartet”. Kirchner zerbricht letztendlich an der Diffamierung und seiner Isolierung in Deutschland.
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Paul Klee
* 1879 in Münchenbuchsee bei Bern / † 1940 in Muralto bei LocarnoDer schweizer Maler und Graphiker studierte von 1898 bis 1901 in München und begegnete dort den Malern des ”Blauen Reiter” und Delaunay. Im Jahre 1921 kam er als Lehrer an die Bauhausuniversität in Weimar (bis 1931), danach ging er als Professor an die Akademie in Düsseldorf. Klee war zwischen 1917 und 1933 in Jena an insgesamt neun Ausstellungen, davon zwei ihm komplett gewidmeten Personalausstellungen, an den verschiedenen Standorten des Jenaer Kunstvereins beteiligt.
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Edvard Munch
* 1863 in Löten, Hedmark / † 1944 in Ekely b. OsloDer Norweger Edvard Munch beendete sein Ingenieursstudium vorzeitig und ging seinem großen Wunsch, Maler zu werden, nach. Viele anschließende Reisen inspirierten ihn und unzählige erfolgreiche Ausstellungen in verschiedenen Städten fundierten sein künstlerisches Talent. In den Jahren 1900-1907 war der norwegische Maler hauptsächlich in Deutschland ansässig. Insbesondere aus dem Jahre 1906 sind mehrere Aufenthalte in Jena und Weimar verzeichnet. Er stellte häufig im Jenaer Kunstverein aus. 1909 kehrte er nach Norwegen zurück. Munch beeinflusste die deutschen Expressionisten, etwa mit seinem wohl bekanntesten Werk ”Der Schrei”, 1895.
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Emil Nolde
* 1867 in Nolde b. Tondern / † 1956 in SeebüllDer Maler, Graphiker und Expressionist begann seine künstlerische Laufbahn mit einer Lehre als Schnitzer und Möbelzeichner in Flensburg (1884- 1888). Für ein Jahr schloss er sich der Künstlervereinigung ”Brücke” an (1906). In der NS-Zeit wurden seine Bilder als ”entartet diffamiert und ihm ein Malverbot verhängt (Nolde malt trotzdem seine ”Ungemalten Bilder”).
Der Maler hielt sich wiederholt in Jena auf, in der Zeit von 1903 bis 1933 wurden Noldes Werke auf Vermittlung des Jenaer Kunstvereins mehrfach in Jena ausgestellt. Zwischen 1907 und 1913 war der Künstler wiederholt Gast in Jena, erkundete malend und skizzierend das Umland. Er zog ins nahe gelegene Cospeda - im dortigen Wirtshaus "Im grünen Baum zur Nachtigall" skizzierte er Fuhrleute und Bergarbeiter.
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Henry van de Velde
* 1863 in Antwerpen / † 1957 in ZürichDer belgischer Architekt wurde 1902 als künstlerischer Berater an den großherzoglichen Hof nach Weimar berufen. Er gründete die Weimarer Kunstschule (1906) und war Mitbegründer des deutschen Werkbundes (1907). Ab 1926 arbeitete van de Velde in Brüssel tätig, ab 1947 er in der Schweiz. Nach einer jahrelangen öffentlichen Kunstdebatte errichtete der Architekt das Jenaer Ernst-Abbe-Denkmal 1909/11 (Carl-Zeiß-Platz) als einzigartiges Gesamtkunstwerk. Bei der Realisierung bezog van de Velde Reliefs des belgischen Bildhauers Constantin Meunier und eine Marmorbüste von Max Klinger ein.
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Paul Weber
* 1868 in Schwelm/Westfalen / † 1930 in JenaPaul Weber lehrte ab 1896 als Privatdozent und 1901 als Professor Kunstgeschichte in Jena. Weber war der Gründer und Direktor des Stadtmuseums Jena (1901). Mit seinem großen Engagement brachte der Kunsthistoriker eine knapp 25.000 Bestandseinheiten umfassende Sammlung zusammen (durch Kauf, Tausch mit Institutionen, wie der Universitätsbibliothek und dem Germanischen Museum, ebenso mit ”Rettungsaktionen” aus Abrisshäusern und Geschenken aus der Bevölkerung). Weber war überdies der Gründer des Vereins für Museumskunde und Heimatschutz.