Blick auf den Holzmarkt, Löbdergraben. Quelle: Stadt Jena, Foto: Jens Hauspurg

Pressemitteilung vom 12.11.2010

Kein Stadtjubiläum im kommenden Jahr in Jena

Und trotzdem gibt es Verlage, die Anzeigen für angebliche Sonderhefte verkaufen

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Eine günstige Anzeige in einem Sonderheft zum 775. Geburtstag der Stadt Jena gefällig? Wieder und wieder gibt es Verlage, die bei Firmen aus der Region ums Geld für Anzeigen werben. Und manch eine Firma ist schon auf den Schwindel reingefallen. Denn: Es gibt kein Stadtjubiläum im nächsten Jahr. Auch wenn 1936 und 1986 in Jena gefeiert worden ist.
„Das war ein erfundenes Jubiläum“, sagt Stadthistoriker Dr. Rüdiger Stutz. Es sei aus politischem Kalkül in die Welt gesetzt worden. „Im Stadtarchiv ist eine Quelle überliefert, eine verwaltungsinterne Anweisung des damaligen Oberbürgermeisters Armin Schmidt vom 11. Januar 1936“, so Stutz. In diesem Dokument habe der OB angeordnet, dass in der Zeit vom 20. bis 28. Juni 1936 die Feier „Jena – 700 Jahre Stadt“ zu veranstalten sei. „Wir haben in den Stadtratsprotokollen Anfang der 30er Jahre nirgends einen Hinweis auf die geplante Festwoche gefunden. Daraus schließe ich, dass Schmidt selbst die Anordnung getroffen hat“, sagt der Stadthistoriker. Möglicherweise sollte die „Volksgemeinschaft“ gefeiert werden. Ein weiterer Hintergrund könnte auch sein, dass im gleichen Jahr die Olympischen Sommerspiele in Berlin stattgefunden haben. Es habe nachweislich in vielen Städten Feste und Feiern in diesem Jahr gegeben, um den internationalen Gästen ein angeblich neues Deutschland zu präsentieren.
Aus Anlass dieser Festwoche erschien eine Chronik, in der es hieß, Jena sei „um 1230“ von den Lobdeburgern zur Stadt erhoben worden. Der damalige Direktor des Stadtmuseums, Werner Meinhoff, schrieb wiederum, die Ersterwähnung der Stadt sei „cirka 1236“ zu datieren. „Die Urkundenlage wurde also den politischen Vorgaben angepasst“, so Stutz. Wider bessres Wissen. Denn bereits 1903 habe Ernst Devrient eine Publikation herausgegeben mit einem Hinweis auf die Herren von Lobdeburg und auf Jena. Diese Urkunde aber sei undatiert. Und nur die wohlwollende Interpretation dieser Quellen erlaube, die Stadtwerdung Jenas einzugrenzen, nämlich etwa auf die 30er Jahre des 13. Jahrhunderts. Eine genauere Eingrenzung sei aber nicht möglich. „Eine Ersterwähnung können wir nicht mit schriftlichen Quellen belegen“, so Stutz.
Dass 1986 die vermeintliche 750-Jahr-Feier in Jena gefeiert worden ist, sei eine rein politische Entscheidung gewesen. Vorbereitet wurden große Jubiläen in Berlin und Gera 1987. „Sicher weil Unmut in manchen Städten aufkam, wurde sehr kurzfristig im Sekretariat der Bezirksleitung der SED in Gera entschieden, auch andere Jubiläen zu begehen“, berichtet Rüdiger Stutz. Der damalige Stadtarchivar habe einen Artikel veröffentlicht, in dem er fälschlich behauptete, Jena sei im Jahr 1236 erstmals erwähnt worden. So sei es zu dem zweiten Stadtjubiläum gekommen, das kein wirkliches war.
Erst nach 1990 kamen Forschungen zu dem Ergebnis, dass keine Ersterwähnung überliefert wurde, in den 90er Jahren waren sie bereits Wissenschaftlern bekannt, 2004 gab es eine entsprechende wissenschaftliche Publikation. Die Öffentlichkeit erfuhr somit spät von den historischen Befunden.
Es gibt also im nächsten Jahr kein Jubiläum. „Wir können doch eine politische Inszenierung aus der NS-Zeit, ein erfundenes Stadtjubiläum, nicht tradieren“, sagt Rüdiger Stutz.
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